Vereinbarkeit von passivem Anlegen und Zukunftsthemen

Interview mit Sabine Döbeli

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Pensionskassen dürfen keine Performanceeinbusse in Kauf nehmen, um nachhaltig zu sein. Sabine Döbeli, CEO Swiss Sustainable Finance, ist überzeugt, dass sich die Integration von Nachhaltigkeitskriterien sogar langfristig auszahlt, weil dadurch weniger Risiken in den Portfolios lauern.

Frau Döbeli, warum wollen institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen ihre Vermögen plötzlich nachhaltig anlegen?

Sabine Döbeli: Sie reagieren auf den zunehmenden öffentlichen Druck durch Medien und NGO’s, aber auch durch die Versicherten selber. In Europa spielt auch die Regulierung eine Rolle. Es hängt aber auch mit der Reife des Marktes zusammen. Es gibt nun einen genügend langen Track-Record, der belegt, dass nachhaltige Anlagen eine konkurrenzfähige Performance liefern.

«Der Beitrag zu einer nach­haltigen Wirtschaft ist ein wichtiger Grund, weshalb Pensionskassen nachhaltig anlegen.»

Ist nachhaltiges Anlegen ein europäischer Trend – oder eine globale Entwicklung?

Europa hat derzeit den Lead. Regulatorisch wird sich in den USA in den nächsten Jahren kaum etwas tun. Doch es gibt dort bereits seit langem viele sehr aktive institutionelle Anleger. Die Stadt New York zum Beispiel hat beschlossen, fossile Energieträger aus ihrem Portfolio zu verbannen. Die kalifornischen Lehrerpensionskassen führen seit vielen Jahren einen intensiven Dialog über ESG-Themen mit den Unternehmen, in die sie investieren. In Asien ist ESG noch wenig etabliert, doch mehrere grosse öffentliche Investoren haben das Thema aufgegriffen, so z. B. der Government Pension Fund von Japan.

Und bei den Privatanlegern?

Der Privatkundenmarkt ist eher ein Verkäufermarkt mit einer trägeren Entwicklung. Die Vorteile einer ESG-Integration sind noch nicht bis zu allen Kundenberatern durchgedrungen.

Welche Ziele verfolgen Pensionskassen, wenn sie Nachhaltigkeitskriterien einbinden?

Wir sehen drei verschiedene Ziele, die sie damit verfolgen. Das erste ist ethischer Natur: Die Anlagen mit den Werten der eigenen Organisation oder auch mit internationalen Normen in Einklang bringen. Das zweite Ziel ist ein besseres Rendite-Risiko-Profil: durch die ESG-Integration lassen sich gewisse Risiken eliminieren und neue Chancen erschliessen. Eine dritte Motivation ist der Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaft, damit sie auch in 50 oder 100 Jahren noch eine Rendite erwirtschaften können.

Der Nachweis, dass Nachhaltigkeit rentiert, fehlt jedoch bislang...

Es kommt darauf an, auf welcher Stufe man hinschaut. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gut geführte Unternehmen mit guten Nachhaltigkeitsstrategien bessere Finanzkennzahlen ausweisen. Das Ziel ist, dies auch in die Portfolios zu übersetzen. Dabei ist das Bild bislang gemischt. Es ist sicher nicht so, dass nachhaltiges Anlegen automatisch zu einer besseren Performance führt – umgekehrt aber auch nicht. Es kommt sehr darauf an, wie man es macht. Meist resultiert eine normale Rendite, die jedoch dank dem höheren ESG-Niveau mit weniger Risiko zustande kommt.

Die Einhaltung von ESG-Kriterien verursacht auch Kosten. Können sich Pensionskassen dies leisten?

Viele nachhaltigen Anlagen werden als aktive Fonds angeboten. Deren Kosten sind naturgemäss höher als die Kosten oft eingesetzter passiver Indexprodukte, wobei aktive Produkte ja andere Vorteile haben. Aber es gibt zunehmend auch gute passive Lösungen, die kostenmässig mit den Standardindexprodukten mithalten können.

Kostet die ESG-Integration noch extra?

Ein Asset Manager kann es sich heute nicht mehr leisten, für die ESG-Integration Zusatzkosten zu verlangen. Das wird vom Markt vorausgesetzt.

Ist Nachhaltigkeit ein paar Basispunkte Performance wert?

Die Frage ist falsch gestellt. Pensionskassen dürfen und sollen keine Performanceeinbusse in Kauf nehmen, um nachhaltig zu sein. Das Ziel der ESG-Integration muss sein, die Diversifikation und die Risiko-Rendite-Effizienz des Portfolios zu verbessern.

«Pensionskassen vergeben sich Chancen, wenn sie aktive Ansätze ganz weglassen.»

In den letzten Jahren ging der Trend stark in Richtung passives Investieren, was zwar kostengünstig ist, aber andere Nachteile hat. Braucht es ein Umdenken?

Aus meiner Sicht vergeben sich die Pensionskassen viele Chancen, wenn sie die aktiven Ansätze ganz weglassen. Eine Beimischung von Zukunftsthemen zum Portfolio wird von vielen nordischen Anlegern mit dem Ziel gewählt, sich neue Renditechancen zu erschliessen.

Weil der Markt Nachhaltigkeit nicht richtig einpreist?

Wir wissen, dass das heute nicht der Fall ist, sonst könnte sich durch Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren kein Mehrwert generieren lassen, wie dies in verschiedenen wissenschaftlichen Studien belegt ist. Zudem wird es im Bereich Nachhaltigkeit immer Themen geben, die noch nicht im Blickfeld des Marktes sind, geht es doch um eine kontinuierliche Verbesserung.

Lassen sich ökologische, soziale und Governance-Kriterien auch getrennt bewerten?

Ich halte wenig davon, diese Themen einzeln anzuwenden. Eine langfristig ausgerichtete Unternehmensführung hat zum Ziel, eine optimale Balance zwischen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und ökologischer Verantwortung hervorzubringen. Es gibt Fälle, wo es gewisse Tradeoffs gibt – wie bei allem im Leben.

Welcher ESG-Ansatz wird sich als « Standard» durchsetzen?

Ich glaube nicht, dass es nur einen Standard geben wird, und das wäre auch nicht gut. Es gibt viele verschiedene Ansätze, wie man Nachhaltigkeit einbeziehen kann – das beginnt beim Ausschluss der schlimmsten Sünder, über Best-in-Class-Ansätze, thematische Anlagen bis zu aktivem Engagement und Ausübung der Stimmrechte: Das Feld ist breit und es wird – und soll – auch so bleiben.

Wie gross ist das Risiko, dass ESG wieder in den Hintergrund rückt, sobald die Finanz- und Kapitalmärkte nicht mehr so gut laufen?

Ich glaube, der Punkt ist überschritten, wo das Thema einfach wieder verschwinden kann, weil dringendere Probleme am Anleger-Horizont auftauchen. Ich bin überzeugt, dass die Integration von ESG-Kriterien zum Anlagestandard wird.

Sabine Döbeli arbeitet seit 20 Jahren im Bereich der nachhaltigen Finanzierung. Bei der Zürcher Kantonalbank baute sie die Nachhaltigkeitsforschung innerhalb der Finanzanalyse auf. Danach war sie Head of Corporate Sustainability Management bei Vontobel. Heute ist sie CEO bei Swiss Sustainable Finance.Sabine Döbeli studierte an der ETH in Zürich Umweltsystemwissenschaften, sowie Business Administration und Marketing an der Universität Basel.

Sabine Döbeli